Heidis Buchtipp des Monats

Unsere Kollegin Heidi Prax stellt einmal im Monat unter dem Motto “Bücher und mehr” in unserer Bücherei Bücher abseits der Bestseller-Listen vor, die sie selbst gelesen und bewertet hat. Passend dazu gibt es in unserem Blog “Heidis Buchtipp des Monats”.

Wir wollen Ihnen jeden Monat zwei dieser besprochenen Titel vorstellen.

Regina Ramstetter: Apostelwasser

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Das stadtbekannte Original Barbara Dorsch (Sängerin, Musikerin, Exzentrikerin) führt morgens um halb fünf in Nachthemd, Strickjacke und Clogs, den Hund ihrer verreisten Nachbarin Gassi, nur ein paar Schritte die Ilz in Passau entlang – und macht dort einen grausigen Fund: Drei Gekreuzigte liegen auf dem Boden.

Für Kom. Kroner und seine Mitarbeiter beginnt eine ihrer schwierigsten Ermittlungen. Ganz Passau steht Kopf, der Medienrummel ist enorm. Ist es das Werk eines Irren? Oder vielleicht die Tat radikaler Islamisten, die mit den Flüchtlingsströmen in die Domstadt kamen?

Wer sind die Toten, und wie konnten sie überhaupt dorthin gelangen? Eines der Opfer hat knapp überlebt, liegt jedoch im Koma. Der Fundort, das Apostelwasser, ist ein Flussabschnitt, der nur an Berufsfischer verpachtet wird. Wie konnten die Toten dorthin gelangen?  Mit Suchhunden, auch aus Österreich, werden Flussufer nach Spuren untersucht.

Bei der Obduktion stellt sich heraus: die Opfer hatten jeweils eine Seite des „Gotteslobes“ verschluckt und waren sediert, bevor sie gekreuzigt und mit einem Nagel durchs Herz getötet wurden. „Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes“

Aus München kommt Unterstützung: Profiler, Psychologen, Beamte des LKA.

Nach langwierigen Ermittlungen sind die Opfer identifiziert:

  1. Gustav Kleingürtl, Pfarrer einer kleinen Gemeinde bei Regensburg, der 2006 von all seinen priesterlichen Aufgaben und Pflichten entbunden wurde – warum?
  2. Peter Hirtenfeld, ehemaliger Generalvikar der Diözese Regensburg
  3. Andreas Geiger, der immer noch im Koma liegt, war bis vor kurzem als Anwalt für das Bistum Regensburg tätig.

Die Ermittlungsarbeit, das mühsame Zusammentragen von Mosaiksteinchen, wird sehr ausführlich, kenntnisreich und detailliert geschildert.

Auch die privaten Probleme der Ermittler werden humorvoll erzählt:

Kom. Kroners  italienische Frau Giulia, mit der er vier Söhne hat, ist vor 15 Jahren an Krebs gestorben. Seine jetzige Partnerin Joja hat eine 28jährige Tochter, Valli, die in München Psychologie studiert. Nach einem One-Night-Stand vor vielen Jahren könnte sie ev. seine Tochter sein. Ben, sein junger talentierter Mitarbeiter, ist seit knapp einem Jahr mit Valli zusammen, hat jedoch beim Trennungs-Sex mit seiner Ex Luisa ein Kind Kind gezeugt, von dem er nichts wusste, bis Luisa trotz Trennung energisch Hilfe bei der Betreuung fordert, damit sie arbeiten kann. Wie soll er das Valli beibringen? Und am Ende der Ermittlungen ist auch Valli schwanger.

Nach vielen Sackgassen in den Ermittlungen wird eines deutlich: Es geht um Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen. Alle Opfer sind auf die eine oder andere Weise darin involviert, und es tun sich Abgründe von Leugnen, Vertuschung, Verschleppung, Verschweigen auf.

Der Staatsanwalt unterstützt den Bischof von Passau, nichts soll an die Öffentlichkeit dringen, mit allen Beteiligten soll äußerst schonend umgegangen werden.

Und nun nimmt die Geschichte rasant Fahrt auf: Kleingürtl ist mehrmals wegen Missbrauchsvorwürfen stillschweigend in eine neue Pfarrei versetzt worden, intern wusste man Bescheid, nichts wurde bekannt. Hirtenfeld, der Generalvikar schrieb den Opfern nach jahrlanger Verschleppung einen Serienbrief, in dem er jeden Vorwurf, jede Entschädigungsforderung kategorisch abwies. Und Geiger vertrat das Bistum als Anwalt.

Viele Kinder und Eltern hatten geschwiegen, aus Scham und Angst; die wenigen, die es öffentlich anklagten, wurden verleumdet, eingeschüchtert. Kinderseelen, Familien wurden zerstört, und den Tätern geschah nichts.

In kurzen, wenigen Einschüben wird das Martyrium eines Kindes angedeutet, das in den Sechzigern zu den Domspatzen kam – die Freude seiner Mutter und die Qualen, die er erdulden musste.

Der Bruder des Papstes war dreißig Jahre Domkapellmeister und wusste nichts?

Die Kritik von Ramstetter an dem Verhalten der katholischen Kirche wird im Verlauf der Geschichte immer deutlicher: Sie zählt alle deutschen Bistümer auf, in denen Missbrauchsvorwürfe öffentlich wurden und sie klagt die Vertuschung und Verleugnung sehr deutlich an. (Hildesheim, Aachen, Paderborn, Mainz, Augsburg, Rottenburg, Essen, München, Speyer, Münster, Limburg, Fulda, Canisius Kolleg Berlin, Kloster Ettal, die Regensburger Domspatzen).

Und in einem furiosen Finale, in dem auch Kroner in Lebensgefahr gerät, wird der Fall aufgelöst. Eigentlich gibt es keine Schuldigen, nur Opfer.

Und auch die privaten Verwicklungen werden zur allseitigen Zufriedenheit gelöst, niederbayrische Dialektausdrücke in einem Glossar erklärt.

Regina Ramstetter: geb. 1972 in Niederbayern, schrieb schon während der Schulzeit Geschichten und Gedichte; Aupair in England, BWL-Studium, Redakteurin der Mitarbeiterzeitschrift eines grossen Konzerns, lebt und schreibt in Niederbayern.

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