Heidis Buchtipp des Monats

Unsere Kollegin Heidi Prax stellt einmal im Monat unter dem Motto “Bücher und mehr” in unserer Bücherei Bücher abseits der Bestseller-Listen vor, die sie selbst gelesen und bewertet hat. Passend dazu gibt es in unserem Blog “Heidis Buchtipp des Monats”.

Wir wollen Ihnen jeden Monat zwei dieser besprochenen Titel vorstellen.

John Harvey: Unter Tage

index

Beim Abriss der alten Bergarbeitersiedlung Bledwell Vale wird ein Skelett gefunden. Die Ermittlungen werden Charlie Resnick übertragen, der auch nach seiner Pensionierung in einer „Cold Case Unit“ arbeitet. Es handelt sich um Jenny Hardwick, die 1984, auf dem Höhepunkt des Streiks der Minenarbeiter verschwunden war. Nun wurden ihre Knochen in der Nähe des Hauses gefunden, in dem sie mit ihrem Mann Barry und den drei Kinder gewohnt hatte.

Resnick war damals als junger Polizist und Leiter eines Teams zur Informationsbeschaffung im Streik eingesetzt. Er kann sich noch an die junge, leidenschaftlich engagierte Frau erinnern. Jennys Skelett weist Spuren von Gewalteinwirkung auf. Wurde der Konflikt zwischen ihr und ihrem oft aufbrausenden Mann, dem Streikbrecher, so heftig, dass er sie im Affekt tötete? Hatte sie eine Affäre mit einem der durchziehenden Streikposten?

Resnick und seine junge Kollegin Catherine gehen auf die Suche nach Jennys Mörder; auf eine Reise in eine Vergangenheit, die Großbritannien bis heute prägt – eine Reise in ein Land der Abgehängten, der Verbitterten, der Enttäuschungen, der Gewalt.

Der Streik der Bergarbeiter von März 84 bis März 85 war eine der größten politischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit in Großbritannien. Eine skrupellose, machtbewußte Margaret Thatcher nutzte ihn, um die Gewerkschaften, die sie gern als „Enemy within“, als Feind im Inneren bezeichnete, zu entmachten und zu brechen – auf dem Rücken von Zehntausenden Bergarbeiterfamilien, die ihre Existenz verloren.

Der Streik spaltet das ganze Land. Gewerkschaft und Regierung stehen sich unversöhnlich gegenüber, Streikende werden von der Polizei niedergeknüppelt, Streikbrecher werden angegriffen, ausgegrenzt, geächtet. Auch Jennys Familie ist tief gespalten. Barry fährt weiterhin in die Mine ein, lässt sich als Streikbrecher beschimpfen – er will seine Familie ernähren, das Abgleiten in bittere Armut verhindern. Jenny dagegen wird zur Aktivistin im Streikkomittee, lernt, vor Publikum zu sprechen und entdeckt ganz neue Fähigkeiten in sich. Sie sprechen kaum mehr miteinander, beide können einander nicht mehr verstehen.

Im Laufe der Untersuchung entdecken Charlie und Catherine viele Geheimnisse aus jener Zeit, die nicht aufgedeckt werden sollen.

Wie so oft geht es auch um Geld. Das gesamte Vermögen der Gewerkschaften war von der Regierung eingefroren worden. Sie waren auf Spenden, auch auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen. In Russland, Frankreich, Italien unterstützten Arbeiterorganisationen die Streikenden und sammelten. Das Geld musste bar und versteckt ins Land gebracht werden; auch in England wurden Spenden in Eimern gesammelt. Und niemand wusste genau, wo wie viel hinging.

Eindringlich schildert Harvey die Not, die Angst der Menschen vor dem unausweichlichen Verlust ihrer Existenzen, ihren verzweifelten, aussichtslosen Kampf.

Vor allem die Frauen wachsen und verändern sich im Lauf der Auseinandersetzungen, als sie Verantwortung übernehmen und sich engagieren, mitarbeiten, sich öffentlich äussern. Die Auseinandersetzungen innerhalb der Familien führten auch zu mehr häuslicher Gewalt.

Gerade Frauen transportierten oft große Summen Bargeld, auch über den Kanal.

Nach einem Jahr war alles zu Ende, ganze Dörfer entvölkert, und viele Minenarbeiter arbeitslos bis zur Rente. Tiefe Wunden waren geschlagen worden, bei den brutalen Polizeieinsätzen gab es viele Verletzte, es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände.

Auch innerhalb der Gewerkschaften gab es Machtkämpfe, persönliche Bereicherungen, Intrigen.

Am Ende finden Charlie und Catherine Jennys Mörder, und Barry weiß nun, dass sie ihn nicht mit einem Streikposten verlassen hat.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s