Heidis Buchtipp des Monats

Unsere Kollegin Heidi Prax stellt einmal im Monat unter dem Motto “Bücher und mehr” in unserer Bücherei Bücher abseits der Bestseller-Listen vor, die sie selbst gelesen und bewertet hat. Passend dazu gibt es in unserem Blog “Heidis Buchtipp des Monats”.

Wir wollen Ihnen jeden Monat zwei dieser besprochenen Titel vorstellen.

Ludmilla Ulitzkaja: Die Kehrseite des Himmels

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Geboren 1943 in Baschkirien, wuchs sie in ihrer jüdischen Familie in Moskau auf. Sie studierte Biologie, schloss in Genetik ab, arbeitete am Akademie – Institut in Moskau. 1990 wurde sie entlassen, sie hatte verbotene Samisdat – Literatur kopiert und verbreitet. So kam sie zum Schreiben, sie etablierte sich als freie Publizistin und Autorin. 1992 erschien ihre erste Erzählung auf Deutsch, Elke Heidenreich unterstützte sie sehr. Sie ist eine der einflußreichsten Schriftsteller des heutigen Russlands, eine bekannte Kritikerin Putins.

„Ich kann Politik überhaupt nicht leiden, aber die Situation zwingt mich dazu, politisch zu sein. Seit der Ermordung von Boris Nemzov am 27. 02. kann man ohne jeden Vorbehalt von politischem Terror sprechen“.

Sie wird als unbestechliche Autorin gewürdigt, die auf eindringliche Weise jüdische und russische Erzählkunst verbinde, zusammenführe (Österreichischer Staatspreis für Literatur).

Das Buch beinhaltet persönliche Notizen und politische Stellungnahmen (Auflage in Russland 500.000). Sie besucht eine „Erziehungskolonie“, Gefängnisse, sie begegnet Strassenkindern und Provinzpolitikern – und sie erzählt von ihrer eigenen schweren Erkrankung an Brustkrebs. Sie ließ sich in Israel behandel, zwei ihrer Freundinnen sind im Krebszentrum Moskau gestorben, es herrschen schlimme Zustände, Korruption, mangelnde Hygiene, Schmiergeld und Vorteilsnahme in der Vorzeige – Klinik in der Hauptstadt.

Und sie erzählt von der Arbeit an einem Buch über die Geschichte ihrer Familie. Begonnen hat alles mit einem Koffer, den sie von ihrer verstorbenen Großmutter Maria bekommen hat, voller Papiere und voller Wanzen. Sie stellt ihn auf ihren Balkon und vergißt ihn; die Wanzen fressen fast alles, bis auf ein paar gut eingepackte Briefe und Notizen ihrer Großmutter, der erste Brief datiert von 1911.Als sie beginnt, hat sie große Angst vor den Geheimnissen, den politischen / historischen und persönlichen Verstrickungen, vor den Leichen im Keller. Es gibt wohl keine russische Familie ohne Geheimnisse. Der stalinistische Terror erfasste alle, so oder so und seit der Revolution von 1917 gibt es eine lange Geschichte von Schauprozessen und Exekutionen, von Pogromen und Deportationen, Lager, Verbannung, Hunger, Krankheit, Tod. Etwa 25 Millionen Menschen sind den Säuberungen, der Erschaffung des Neuen Menschen zum Opfer gefallen, zusätzlich zu den etwa 20 Millionen des II. WK.

Der Einblick in Archive, wenn vorhanden, ist schwierig, die Angst vor dem, was man finden könnte, ist groß: Verrat, Verleumdung, Schuld oder Freispruch, Treue, Integrität? In ihrer Kindheit herrschte Schweigen, Stummheit, was die Vergangenheit betraf. Ihre Großmutter, Lehrerin, hat zuhause nur geflüstert, in ihrem Zimmer in der Kommunalka, ein Zimmer für die ganze Familie. Und sie hatte allen Grund dazu: Eine Nachbarin, eine ehemalige Schülerin, hatte den Großvater denunziert. Beide Großelternpaare waren gebildete Juden, beide Großväter waren in Lagern, einer länger, einer kürzer. Beide Großmütter mussten zeitweise die Familien alleine ernähren, in sehr schwierigen Zeiten.

Boris Ginsberg kehrte 1943, im Jahr ihrer Geburt zurück. 1917 war er fast fertig mit dem Jurastudium. Er ging in die Wirtschaft, „organisierte“ wie so viele andere, wurde denunziert und in den Osten verbannt. (Vergleiche mit Putins Oligarchen).

Jakov, Ökonom, belesen, musisch begabt, ein idealistischer Sozialist, Sohn eines jüdischen Uhrmachers aus Kiew; er überlebt die Rückkehr nur ein Jahr. Auf dem Weg vom Gulag in die Verbannung darf er seine Familie noch einmal sehen –  seine Frau, die sich längst von ihm hatte scheiden lassen; sein Sohn, der sich öffentlich von ihm losgesagt hatte, und seine kleine Enkelin. Ihr Briefwechsel ist Ulitzkajas Material. Musste die Großmutter sich von dem „Revolutionsschädling“ scheiden lassen, um der Sippenhaft zu entgehen?

Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Moskau, von Menschen und Büchern, die sie liebt, von ihrer früheren Arbeit als Genetikerin und wie sie zum Schreiben kam. Sie schlägt den Bogen von der Geschichte ihrer Vorfahren bis zum Tagebuch ihrer Krebserkrankung. Auf sehr persönliche Weise setzt sie sich mit den Zuständen in ihrem Land auseinander, mit seiner Geschichte, Kultur und Politik.

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