Heidis Buchtipp des Monats

Unsere Kollegin Heidi Prax stellt einmal im Monat unter dem Motto “Bücher und mehr” in unserer Bücherei Bücher abseits der Bestseller-Listen vor, die sie selbst gelesen und bewertet hat. Passend dazu gibt es in unserem Blog “Heidis Buchtipp des Monats”.

Wir wollen Ihnen jeden Monat zwei dieser besprochenen Titel vorstellen.

Joanna Rakoff: Lieber Mr. Salinger

 

6094253500001ZJoanna ist Anfang Zwanzig, als sie 1996 nach dem College nach New York kommt, um die literarische Szene zu erobern. Sie landet als schlecht bezahlte Assistentin in einer Literaturagentur und glaubt sich in eine längst vergangene Zeit katapultiert: Schreibmaschine statt Computer, Karteikarten, kistenweise Fanpost. Sie hat den legendären Welterfolg „Der Fänger im Roggen nicht gelesen, als sie entdeckt, dass die Agentur „Jerry“ vertritt. Die strenge Chefin ermahnt sie, Jerry niemals anzurufen und keinen der zahllosen Briefe an ihn weiterzuleiten. Erst langsam begreift sie, wer Jerry ist, denn eine ihrer Aufgaben besteht darin, diese Leserbriefe zu beantworten, die der öffentlichkeitsscheue Autor nicht sehen will.

Neugierig geworden, liest sie seine Bücher und kann sich ihrer Faszination nicht entziehen.

Es gibt einen ablehnenden Standardbrief als Antwort für die Absender, der natürlich mit Durchschlag abgelegt werden muss. Sie beginnt, viele der Briefe aufmerksam zu lesen und ist berührt, amüsiert, betroffen, manchmal auch erschrocken und abgestoßen, wie sehr viele Menschen ihr Innerstes preisgeben, erzählen, wie sehr Salingers Bücher ihr Leben beeinflusst oder verändert haben, wie oft sie um Hilfe, Verständnis, Antwort bitten – verzweifelte Jugendliche, traumatisierte Kriegsteilnehmer, Zenbuddhisten – oder die Geschichte einer Studentin, die Gefahr läuft, durchzufallen und deren Professorin zu ihr sagt: „wenn Sie einen Brief an Salinger schreiben und eine Antwort vorlegen können, haben Sie bestanden“.

Sie verliert sich in den Briefen, den Schicksalen, verliert ihre professionelle Distanz und beginnt, persönliche individuelle Antworten zu verfassen, anstatt den nichts sagenden Standardbrief zu benutzen.

Sie beginnt in diesem Jahr, eingesandte Manuskripte zu lesen, mit leidenschaftlichem Interesse an Literatur und Lyrik – und hat erste Erfolge, kann eine Kurzgeschichte einer jungen Autorin in einer renommierten Zeitschrift unterbringen und erhält Anerkennung für ihr literarisches Gespür.

Ab und zu ruft Jerry an und spricht mit ihr, er will eventuell noch einmal, nach dreißig Jahren, etwas veröffentlichen, ausgerechnet bei einem kleinen Einmann-Verlag in Virginia, was natürlich nicht klappt.

Im Büro wird der erste Computer (einer für alle) angeschafft, was eine große Sache ist und nur mit Erlaubnis der Chefin benutzt werden darf.

In diesem Jahr wird sie erwachsen, sie trennt sich von ihrem Freund, dem „Verkannten Genie“, sie schreibt selbst und kann erste eigenen Arbeiten veröffentlichen.

Komisch und kenntnisreich wird die Szene, das Milieu jener Zeit beschrieben; die zahlreichen jungen hoffnungsvollen Frauen, die frisch von der Universität kommen, literaturbegeistert, am Hungertuch nagend, in schrecklichen Wohnungen lebend und fest an ihre Karriere glaubend.

Rakoff schreibt als Kritikerin für die N.Y. Times, für die Vogue, auch ihre Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

 

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