Heidis E-Book des Monats

Unsere Kollegin Heidi Prax stellt einmal im Monat unter dem Motto “Bücher und mehr” in unserer Bücherei Bücher abseits der Bestseller-Listen vor, die sie selbst gelesen und bewertet hat. Passend dazu gibt es in unserem Blog “Heidis E-Book des Monats”.

Wir wollen Ihnen jeden Monat zwei dieser besprochenen Titel vorstellen.

Jane Gardam: Eine treue Frau

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Betty Macintosh, 28 Jahre alt, in Peking geboren, aufgewachsen unter schrecklichen Bedingungen  in einem japanischen Internierungslager bei Shanghai (dort hat sie ihre Eltern verloren), reist zum ersten Mal seit dem Krieg wieder in ihr geliebtes Hongkong, taucht ein in die laute, dreckige, lebendige, nach Essen riechende Welt des Ostens, den sie, ein Kind des Empires, so sehr vermisst hat, trotz aller traumatischen Erfahrungen.

Sie lernt den überaus korrekten, makellosen Anwalt Edward Feathers kennen, ebenfalls ein typisches (traumatisiertes) Kind des Empires und trifft ihn einige Male. Und Edward, der Untadelige, hat seine Herzdame gefunden und macht ihr auf Kanzleipapier einen förmlichen Heiratsantrag.

Betty ist wurzellos, ohne Bindungen, ohne Verwandte, und obwohl sie intelligent, selbstbewusst, gebildet und eigenwillig ist, weiß sie eigentlich nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen will.

Betty liest diesen hölzernen Brief, küsst ihn und denkt: Ja!!

Ihre beste Freundin Amy, Missionarin, vier Kinder, warnt sie vor diesem unwiderruflichen Schritt, doch Betty ist sich sicher. Sie will Kinder, sie will wissen, wohin sie gehört.

Ihre Verlobung feiern sie still und leise auf einer Party der Anwälte und ihrer Kunden. Er schenkt ihr eine Perlenkette und bittet sie, ihn nie zu verlassen, weil er so oft in seinem Leben Verlust, Zurückweisung und Einsamkeit erfahren hat. Er würde es nicht ertragen, und sie verspricht es ihm.

Auf dieser Feier wird ihr Teddy Veneering vorgestellt, immer Edwards Widersacher und Anwalt der gegnerischen Partei, mit seinen blitzblauen Augen. Und Betty denkt nur: „Und es ist genau eine Stunde zu spät“.

Am nächsten Abend schickt Ted ihr einen Wagen, und sie steigt ein, in ihrem einzig guten, grünen Seidenkleid und einem kleinen Täschchen. Sie wird zu einem kleinen Holzhaus gebracht, auf Stelzen, im Wald, die Tür offen, und sie tritt ein. „Veneering schloss die Tür und zog ihr das grüne Kleid aus“.

Ed hätte es sein sollen, denkt sie, aber er musste arbeiten und will auf die Hochzeitsnacht warten. Und doch ist sie glücklich nach dieser Nacht.

Betty weiss, was auf sie zukommt – vielleicht weniger Leidenschaft, aber Verlässlichkeit, Güte, ein sicherer Hafen, und ihrer beider Liebe zum Fernen Osten wird sie verbinden.

Gardam erzählt die Geschichte auf mehreren Zeitebenen in sehr nuancierten Abstufungen, mit viel Feingefühl und mit einem unwiderstehlichen, Sinn für Humor und Ironie.

Bettys Mann erinnert sich an seinen Hochzeitstag, als er alt und verwitwet in seinem Cottage in Dorset sitzt, an seine Gardenie im Knopfloch, an die etwas improvisierte, sehr komische Heirat, und an seine Ehe, die doch ein Leben gehalten hat und alle Stürme überstanden hat.

Ihre Hochzeitsreise führt sie nach Indien, Bhutan und Malta und in Briefen an ihre Freundin schildert sie die wunderbaren Landschaften, die Menschen, die sie trifft – fremd, und doch immer das britische Empire. Vor allem in diesen Briefen erfahren wir, was sie wirklich denkt und fühlt. Sie beginnt, Edward wirklich zu lieben, ist glücklich und freut sich auf ihr gemeinsames Leben.

Erst einmal lassen sie sich in London nieder, in Eds spartanischer Junggesellenwohnung. London leidet noch sehr unter den Kriegsfolgen (Rationierung, Bombenschäden).

Ihr Mann arbeitet viel, doch sie findet sich tatkräftig in ihrem neuen Leben zurecht. Sie nimmt die Dinge in die Hand, richtet die Wohnung her, lernt die Nachbarn und Händler kennen. Und – sie wird schwanger! Doch im vierten Monat erleidet sie eine Fehlgeburt, sie muss operiert werden und wird keine Kinder haben können (Spätfolgen des Lagers).

Veneering ruft an, am Tag vor ihrer eigenen OP, sein Sohn (in England auf dem Internat) ist sehr krank, muss operiert werden, er kann nicht rechtzeitig hier sein; er bittet sie, zu Harry in die Klinik zu gehen. Nach neun Stunden ist die OP geglückt, kein Krebs, das Bein bleibt dran, und zwischen Betty und dem kleinen Harry ist eine unverbrüchliche Zuneigung entstanden.

Zum Dank schickt ihr Veneering eine Perlenkette, ihre „Schandperlen“.

Nach ihrer Operation, Ed ist in Hongkong, erholt sie sich eine Woche in einem abgelegenen, sehr einfachen Cottage von Freunden, wo sie zur Ruhe kommt und die Einsamkeit genießt.

In den entscheidenden Momenten sind sie und ihr Mann wohl immer getrennt.

Schnitt: Seit 20 Jahren leben sie nun in Hongkong, Edward ist ein angesehener Richter, sie leben ein geruhsames Leben. Wo wollen, wo sollen sie sich zu Ruhe setzen? Die Übergabe an China (1997) steht bevor, Ed hat Angst davor, was mit ihm passiert, wenn die Chinesen kommen – Rache an dem englischen hohen Beamten?

Die Kolonie, die Menschen, alles verändert sich rasend schnell und wird ihnen fremd.

Doch auch England, London hat sich verändert; „sie wären nur irgend ein altes Ehepaar, reiche, müssige Expats in einer fremden Umgebung, die sich die Übergabe im Fernsehen anschauen, als der Union Jack eingeholt wird.

Sie besuchen England, alte Freunde, die sich schon zur Ruhe gesetzt haben, reisen quer durchs Land bis Schottland und fühlen sich fremd und heimatlos. Ed soll an einem neuen Umweltschutzgesetz mitarbeiten, sie überwintern in London, Betty trifft Harry, der zur Armee gegangen war, zufällig auf einer Beerdigung wieder.

Und sie ziehen schließlich in das alte Cottage, in dem sich Betty einst erholte. Sie bauen um, Betty bestellt jede Menge Pflanzen, sie hilft in der Kirche, tritt einem Lesekreis bei, sie richten sich ein.

Als Harry, der Soldat, sie besucht, gibt sie ihm 10.000 Pfund, damit er seine Spielschulden bezahlen kann. Ein wenig ist er das Kind, das sie nie haben konnte. Kurz darauf ruft Veneering an, Harry ist in Nordirland gestorben.

Und da überlegt sie zum ersten Mal, Ed zu verlassen und zu Ted zu gehen, der mittlerweile verwitwet ist. Doch sie hält sich an ihr Versprechen.

Sie machen beide ihr Testament, und beim Setzen von Tulpenzwiebeln vergräbt Betty ihre „Schandperlen“ im Blumenbeet, und dabei stirbt sie, verlässt ihn nun doch und er vermisst sie schrecklich.

Nun wird Eds Geschichte weiter erzählt. Drei Jahre später zieht jemand im benachbarten Cottage ein – Veneering. Sie begegnen sich nie, bis sich Feathers an Weihnachten aus Versehen aussperrt, in Hausschuhen und ohne Mantel, es schneit heftig. Und so muss er bei seinem verhassten Gegner, Rivalen Nachbarn läuten. Beide erschraken darüber, wie alt der andere geworden war. „Ich wollte nur kurz Fröhliche Weihnachten wünschen“, murmelt Ed verlegen. „Wie nett, kommen Sie doch rein“. Handtuch, Whiskey und ein vor langer Zeit dort deponierter Ersatzschlüssel folgen unauffällig und diskret. Ed lädt ihn für den nächsten Tag zum Essen ein, widerwillig, doch dankbar, und im Frühjahr spielen sie zusammen Schach, gehen gelegentlich miteinander spazieren – und sie sprechen sich aus.

Filth wusste so viel mehr, als wir alle dachten. Er wusste von Teds Liebe zu Betty, von dem Geld, das sie seinem Sohn gab, auch von der Kette und vieles mehr. Und immer hatte er geschwiegen.

Sein Nachbar und Widersacher stirbt auf einer Reise auf Malta, ein Nachbarskind findet Bettys Perlen im Garten und darf sie behalten.

Auf seiner letzten verrückten Reise – er möchte noch einmal nach Malaysia – stirbt auch er, als er aus dem Flugzeug steigt und beglückt die Gerüche des Ostens einatmet.

Das Buch endet mit seinem Gedenkgottesdienst.

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