Heidis E-Book des Monats

Unsere Kollegin Heidi Prax stellt einmal im Monat unter dem Motto “Bücher und mehr” in unserer Bücherei Bücher abseits der Bestseller-Listen vor, die sie selbst gelesen und bewertet hat. Passend dazu gibt es in unserem Blog “Heidis E-Book des Monats”.

Wir wollen Ihnen jeden Monat zwei dieser besprochenen Titel vorstellen.

Petros Markaris: Finstere Zeiten

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Er hat die Krise kommen sehen. Schon vor den Olympischen Spielen in Athen 2004 stellte er in seinem Roman „Live!“ die Frage, wer das alles bezahlen werde. In seinen Artikeln in deutschen Medien wie Zeit oder Süddeutsche Zeitung dokumentiert und analysiert er seit 2009 jede Phase des schmerzlichen Niedergangs. Er erzählt von griechischer Geschichte und Politik, von Privilegierten und Empörten, von den kleinen Leuten, von Tätern und Opfern, von Brüssel, Berlin und Athen. Diese Artikel entstanden parallel zu den ersten beiden Romanen der geplanten Trilogie über die Krise („Faule Kredite“ und „Zahltag“).

Ein Journalistin hat ihn gefragt, ob er wirklich glaube, dass die Krise so lange dauere, bis er drei Romane geschrieben habe.

Keiner hat die Dauer, das Ausmaß und die Auswirkungen vorausgesehen. Die griechische Finanzkrise hat mit der internationalen Krise wenig zu tun, sie ist hausgemacht, viele finanzieren Vieles seit Jahren durch Kredite – Politiker wie Geschäfts- und Privatleute.

Für Markaris tragen die politischen Eliten der Nachkriegszeit eine Hauptschuld an der Krise.

Nach dem Bürgerkrieg 1946-1948, den die Rechte, unterstützt von England und den USA, mit erbarmungslosem Terror gewann, wollte jeder beim Staat arbeiten, zu den Gewinnern zählen, nicht als Linker verdächtigt werden. Günstlinge wurden beim Aufbau eines monströsen Staatsapparates untergebracht, der Rest lebte 2. Klasse.

Bis 1981 die sozialdemokratische Wende kam. Papandreou, Chef der panhellenischen, sozialistischen Pasok, platzierte nun seine Leute, nach 40 Jahren seien sie an der Reihe.

Weil sie sich ganz auf die Übernahme des Staates konzentrierten, hatten sie kein Programm zur Veränderung dieser Klientel-Gesellschaft entwickelt, und so verteidigen sie nun die Privilegien als „Errungenschaften des Sozialismus“.

Und mit dem Beitritt Griechenlands zur EWG 1981 begann das Geld in Strömen in das arme Land zu fließen. In 30 Jahren hat sich der öffentliche Sektor verdreifacht, um Wähler zu gewinnen.

Bis 1989 war Griechenland als einziger Balkanstaat Mitglied der Nato, nach `89 öffneten sich plötzlich weite Perspektiven für eine Führungsrolle im Balkanraum, für Handel und Zusammenarbeit mit Mazedonien, Bulgarien, Rumänien, Albanien. Durch den Krieg in Jugoslawien endete vieles in Streit und teurem Scheitern. Griechenland war das einzige EU-Mitglied, das Milosovic (Serbien) indirekt unterstützte. Es nahm an den Bombardements nicht teil, sperrte seinen Luftraum für die Nato und verbot den Transit durchs Land. Einig mit den Serben in einer Art orthodoxem Nationalismus, hat es sich von diesem Alleingang nie erholt.

Und als weiteren Grund nennt Markaris das größenwahnsinnige Olympia – Projekt von 2004.

Der Etat betrug offiziell 2,4 Milliarden, die Kosten wurden offiziell mit 11,5 Milliarden beziffert, die Differenzen wurden mit Krediten finanziert, u. a. mit einer Milliarde von Goldmann und Sachs.

Und: Griechenland gibt seit Jahren Unsummen für Rüstung aus, immer für den „Konflikt mit der Türkei“. Davon profitieren u. a. Deutschland, Frankreich und Russland durch Rüstungsaufträge. Auch in der Krise stiegen die Aufträge, hier hatte der IWF nichts zu bemängeln oder zu kürzen.

Mit Ausnahme der deutschen Besatzung 1940-1944 hat die Rechte in Griechenland 40 Jahre regiert: die Diktatur unter Metaxa 1936-1940, die konstitutionelle Monarchie 1944-1967, die Militärjunta 1967-1974, eine demokratische Mitte-Rechts-Regierung 1974-1981.

Immer belohnte sie ihre Anhänger und verfolgte ihre Gegner massiv, baute ein Willkür- und Abhängigkeitssystem aus.

Griechenland ist zwar eine Republik, wird aber wie eine Monarchie regiert – drei Familien teilen sich die Macht und stellen immer den Ministerpräsidenten: Papandreou (seit 1944
3 MP´s), Karamanlis, Mitsotakis.

Heute hält eine Minderheit hart arbeitender kleiner Leute im Wesentlichen den Laden noch am Laufen. Die schreiende Mehrheit, die Angst um ihre Privilegien hat, will die Rechnung in fremde Taschen stecken. Schuld haben die anderen – EU, IWF, Deutschland.

Tiefe Risse gehen durch die Gesellschaft, durch alle Bereiche. Endzeitstimmung bei den Kleinunternehmern, die die Krise mit am härtesten getroffen hat. Während die große Schar der Lohnabhängigen um ihre Arbeitsplätze und Gehälter bangen, verteidigt der riesige, aufgeblähte öffentliche Dienst verbissen seine Privilegien. Die Bürger sind empört und verunsichert, weil sie beruhigt, getäuscht, belogen werden. „Es gibt keine weiteren Kürzungen mehr“ – bis die nächsten harten Einschnitte folgen: Kürzungen von Renten und Gehältern, Erhöhung von Einkommens- und Mehrwertsteuer, Sondersteuern auf Einkommen und Gewinne. Gleichzeitig ist keine Regierung dazu in der Lage, Korruption wirksam zu bekämpfen oder ausstehende Steuern von Wohlhabenden einzutreiben.

2009 wurden fünf Parteien ins Parlament gewählt: Pasok, Nea Democratia, Kommunisten, Rechte und die Linksallianz Syriza. Griechenland hat nicht viel Erfahrung mit Koalitionen.

Syriza ist ein Bündnis diverser Gruppen und Organisationen, Linke, Radikale, Ökologische.

Auch die Rechten haben starken Zulauf durch die steigenden Flüchtlingszahlen, Probleme der Einwanderungs- und Asylpolik, auch mit illegalen Arbeitern, die für Olympia angeheuert wurden.

 

Petros Markaris: geb. 1937 in Istanbul, der Vater Armenier, die Mutter Griechin, hat in Deutschland studiert und u.a. Goethe und Brecht ins Griechische übersetzt. In Deutschland vor allem durch seine Krimis mit Kostas Charitos bekannt, einer der schärfsten Beobachter der griechischen Gesellschaft und Kultur, vermittelt ein umfassendes und facettenreiches Bild der Lage.

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