Heidis E-Book des Monats

Unsere Kollegin Heidi Prax stellt einmal im Monat unter dem Motto “Bücher und mehr” in unserer Bücherei Bücher abseits der Bestseller-Listen vor, die sie selbst gelesen und bewertet hat. Passend dazu gibt es in unserem Blog “Heidis E-Book des Monats”.

Wir wollen Ihnen jeden Monat zwei dieser besprochenen Titel vorstellen.

Juli Zeh: Unterleuten

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Das Dorf Unterleuten liegt irgendwo in Brandenburg, ein kleines Dorf, ohne Kino, Theater, Biomarkt, Dönerbude. Eine scheinbare Idylle, mit schrulligen Originalen, die den Ort auch nach der Wende prägen, mit unberührter Natur und seltenen Vogelarten.

Und – mit den Gutshäusern, die sich die Stadtflüchtlinge aus Berlin gern kaufen, um sich den Traum von einem unverdorbenen Leben fernab der Hauptstadthektik zu erfüllen.

Die Idylle scheint auf den ersten Blick perfekt.

Doch mit den Zugezogenen gibt es Demarkationslinien, einen Zusammenstoß von Ost- und Westmentalitäten. Der Gegensatz ist groß zwischen den Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Arroganz, Selbstgerechtigkeit und wenig Sensibilität für gewachsene Strukturen in viele Fettnäpfchen treten, und den einheimischen Bewohnern, die völlig andere Erfahrungen gemacht haben. „Die Besserwisser, die nicht mit dem Nachbarn reden, sondern gleich Briefe vom Anwalt schreiben lassen“.

Doch auch unter den Alteingesessenen schwelt der Konflikt zwischen Gewinnern und Verlierern der Wende unter der Oberfläche weiter.

Es gibt keine Haupt- und Nebenfiguren, sondern etwa zehn gleichberechtigte Personen und Erzählstimmen, wechselweise in streng subjektiven Perspektiven beleuchtet. Jede Figur ist mit sparsamen Mitteln ungeheuer plastisch, differenziert und genau gezeichnet.

  • Gombrowski: Vor der Zwangskollektivierung aus der Familie mit dem meisten Grundbesitz, er will das Land unbedingt zusammenhalten, wird in der DDR LPG-Vorsitzender, nachdem man ihn zur Kollektivierung gezwungen hatte, indem man ihm Haus und Hof angezündet hatte. Nach der Wende wird er Ortsvorsteher, kann die LPG in einen privaten Betrieb umwandeln, ist der größte Arbeitgeber im Ort, zieht die Fäden im ganzen Ort, schlau, massig, machtbewusst, mit einem sehr guten Gedächtnis. Er weiß alles von allen im Dorf und hütet viele Geheimnisse.
  • Kron: der alte eiserne Kommunist, der nach der Wende alles verloren hat, verbittert, mit einem kaputten Bein, der seit Jahrzehnten einen erbitterten Kleinkrieg gegen seinen alten Widersacher Grombrowski führt.
  • Seine Tochter, Pathologin in Berlin, mit ihrem Ehemann, einem erfolglosen Schriftsteller, der bei Schreibblockaden gerne stundenlang mit dem Rasenmäher durch den Garten fährt und ihrer gemeinsamen verwöhnten Tochter Krönchen
  • Seidel, Bürgermeister von Gombrowskis Gnaden. Seine an Krebs verstorbene Ehefrau hat für die Stasi das ganze Dorf bespitzelt, was er aber erst nach der Beerdigung erfahren hat.
  • Schaller, der Mechaniker und Hiwi von Gombrowski für alle unangenehmen Arbeiten und Aufträge
  • Hilde, die verwitwete Katzenfrau, die von Gombrowski seint Jahrzehnten großzügig unterstützt wird. Hatten die beiden eine Affäre? Ihr Mann starb bei dem angeblichen Unfall, bei dem auch Kron seine Verletzung erlitt.
  • Gerhard Fließ, ein verkrachter Uni-Dozent aus Berlin mit seiner jungen Frau Juli und ihrem kleinen Kind, der nun als engagierter Vogelschützer beim Naturschutz arbeitet
  • Frederick und Linda Franzen, die „Pferdefrau“, die die „Villa Kunterbunt“ gekauft haben und ihren großen Traum vom Pferde-Hof hegen. Ihr Denken und Handeln ordnet sie komplett den Maximen des Motivationstrainers Manfred Görtz unter.

 

Sehr wichtig sind die unausgesprochenen Verpflichtungen, der Austausch von Hilfe und Gefälligkeiten, der das Leben im Dorf seit Jahrzehnten mit wenig Bargeld am Laufen hält. Durch die Abgeschiedenheit und Armut des kleinen Ortes sind die Bewohner gewohnt und auch dazu gezwungen, ihre Angelegenheiten selbst und untereinander zu regeln. Bloß nicht nach oben auffallen, ist die Devise, die schon in der DDR galt. „Reparier mein Auto, und du kriegst eine Gans“.

„Hätte man die Beziehungsfäden sichtbar machen können, welche zwischen den Anwesenden auf der Dorfversammlung hin und her liefen, wäre für den Uneingeweihten ein undurchschaubares Knäuel zum Vorschein gekommen.

Es gibt kleinere Auseinandersetzungen wegen Rasenmähens und Verbrennen von Gummireifen, aber soweit scheint alles in Ordnung. Doch dann taucht der Investor auf: schwerreich, der Land billig kauft, weil er es eben kann und auf den nächsten Möbelmarkt, Autohandel, was auch immer, wartet – bis die Initiative Windpark kommt, vorgegeben von der Landesregierung. Und dafür wird Land gebraucht, zusammenhängend und gut bezahlt.

Und nun gerät alles in Bewegung. Jeder versucht, seinen Vorteil aus der Situation zu ziehen, wenn nötig, den anderen übers Ohr zu hauen, alte Rechnungen werden aufgemacht, alte Geheimnisse drängen ans Licht, und schon bald ist im Dorf die Hölle los. Jeder unterstellt dem Nachbarn falsche Gründe, Interessen, Absichten.

Es gibt keine Guten und keine Bösen, nur Menschen, die etwas Gutes wollen und dabei Unheil anrichten.

Der Roman umfasst einen Zeitraum von knapp zwei Monaten (Juli und August 2010), und danach ist nichts mehr so, wie es war.

Den Schluss des Romans dokumentiert Zeh als Journalistin, die in Berlin auf die Geschehnisse in Unterleuten aufmerksam wurde.

Ein sehr unterhaltsamer, handwerklich raffinierter Gesellschaftsroman. An den Dorfstrukturen lassen sich gesellschaftliche Entwicklungen und Phänomene darstellen und ablesen, die grenzenlose Gier des freien Marktes, der Globalisierung, des schrankenlosen Kapitalismus.

 

Juli Zeh: Geboren 1974 in Bonn, Juristin, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, zog vor zehn Jahren mit Mann und Kind in ein Dorf nach Brandenburg (und hat dort nach eigener Aussage aber völlig andere, freundlichere Erfahrungen gemacht).

 

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