Heidis E-Book des Monats

Unsere Kollegin Heidi Prax stellt einmal im Monat unter dem Motto “Bücher und mehr” in unserer Bücherei Bücher abseits der Bestseller-Listen vor, die sie selbst gelesen und bewertet hat. Passend dazu gibt es in unserem Blog “Heidis E-Book des Monats”.

Wir wollen Ihnen jeden Monat zwei dieser besprochenen Titel vorstellen.

Madeleine Albright: Winter in Prag

  • knvmmdb.dllIn ihrem sehr persönlich gehaltenen Buch schildert sie erstmals ihre Kindheit vor und während des II. WK und erzählt die Geschichte ihrer tschechisch – jüdischen Familie. Sie wurde als Marie = „Madlenka“ Korbelova am 15.05.1937 in Prag geboren, als Tochter des tschechischen Diplomaten Josef Korbel und seiner Frau Mandula Spiegelova, beide assimilierte Juden aus großen Familien.
  • Nach dem Münchner Abkommen von 1938 flohen sie zu dritt nach England, zehn Tage nach dem Einmarsch der Deutschen am 15.03.1939. Dort verbrachten sie die Kriegsjahre; die erste Zeit war schwer, bis Josef eine maßgebliche Position in der tschechischen Exilregierung von Masary und Benes fand.
  • Erst, als sie 1996 (mit 56 Jahren) Außenministerin der USA unter Clinton wurde, erfuhr sie durch einen Reporter von der Washington Post, daß ihre Großeltern und weitere zwanzig Angehörige in Theresienstadt und Auschwitz starben. Sie erhielt viele Briefe, Dokumente und Nachrichten, die ihr Informationen über die bisher unbekannten Teile ihrer Familiengeschichte gaben. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt (2001) machte sie sich ernsthaft an die Arbeit.
  • Ausführlich, gründlich, kenntnisreich und gebildet erzählt sie die Geschichte ihres zentraleuropäischen Herkunftslandes, die auch ihre persönliche Geschichte maßgeblich geprägt und beeinflußt hat.
  1. Die Geschichte vor 1918 (Sagen, Mythen, die Habsburger KuK – Donaumonarchie, Jan Hus, der Prager Fenstersturz, die Religionskriege.
  2. Die kurze Zeit der Unabhängigkeit, die demokratische Republik von 1918 bis 1939 mit Religions- und Pressefreiheit, mit fortschrittlichem Arbeitsrecht, mit dem Minderheitenschutzgesetz, das Tschechen, Juden, Christen, Deutschen die gleichen Rechte gewährte.
  3. 1939 – 1942: Nach der Machtübernahme mußten ihre Eltern untertauchen, bis sie die nötigen Papiere für die Ausreise nach England beschafft hatten. Sie schildert den Widerstand gegen die Besatzung detailliert und ausführlich. Für Juden zog sich die Schlinge immer enger zu, bald gab es keine legale Ausreisemöglichkeit mehr. Ihre Cousine Dasa gelangte mit einem der letzten Kindertransporte nach England zu ihnen, deren Familie bleibt zurück und überlebt nicht. Sie beschreibt den Alltag unter den Nazis, den Besatzern, Verfolgung, Denunziation, Verhaftung, Folter, Tod. Und auch im tschechischen Widerstand gab es Antisemitismus. Im Exil in England gibt es umfassende diplomatische / politische Bemühungen, den Frieden zu retten, den Krieg zu vermeiden, das Schlimmste zu verhindern (Appeasement, München 1938). Nach Kriegsausbruch strömten immer mehr europäische Flüchtlinge nach England. Benes und seine Diplomaten versuchten Roosevelt zu überzeugen, daß Amerika in den Krieg eintreten müsse. Madlenkas Vater sendet über BBC verschlüsselte Nachrichten und Botschaften für den Widerstand in Tschechien. (Die BBC stellte für die Flüchtlinge Sendezeit in 16 verschiedenen Sprachen zur Verfügung). Liebevoll und mit Humor schildert sie ihre Lebensumstände, die schweren Bombenangriffe auf London, der Mangel, die schlechten Nachrichten vom Kontinent. 1942 wird ihre Schwester Kathy geboren, die Familie zieht aufs Land zu Josefs Bruder. Madlenka geht zur Schule, lernt Klavierspielen, füttert die Küken und betet zur Jungfrau Maria. 1941 haben ihre Eltern sich taufen lassen, und über die Gründe dafür grübelt sie bis heute.

 

  1. Ab 1942, nach Hitlers Angriff auf Stalins Rußland

Auf Heydrich, den „Henker von Prag“ wird das Attentat verübt. Als die flüchtigen Attentäter von der grausamen Rache der Nazis hören (Lidice), wollen sie sich stellen und anschließend Selbstmord begehen. Durch Verrat und Folter wird ihr Versteck in einer Krypta entdeckt, alle Attentäter wurden erschossen oder erschossen sich selbst.

Bei der ausführlichen Schilderung geht es auch um Kollaboration, freiwillige und unfreiwillige. Ab 1942 werden Großeltern, Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert. Akribisch rekonstruiert sie die Tage, die Abläufe im Lager. Die Ankunft, die Ausplünderung, die Enge und Überbelegung, Hunger, Dreck, Seuchen, zahllose Tote. Aber auch: die heroische Selbstorganisation unter widrigsten Umständen, die Vorträge, die Konzerte, die Lesezirkel, die Kabarettabende, die Malgruppen, der Unterricht für die Kinder.

Ende 44 wird Theresienstadt durch vermehrte Transporte nach dem Osten rigoros geräumt und „aufgehübscht“ – das IRRK kommt. Das Kriegsglück beginnt sich zu wenden, die Deutschen werden an allen Fronten zurückgetrieben, die Allierten befreien Benelux, die Rote Armee überquert den Balkan und Polen und stößt dort auf die ersten Todeslager. In England beginnen die Diskussionen um mögliche Nachkriegsordnungen, um die Aufteilung der Beute, um neue Grenzen.

Benes laviert zwischen Ost und West, orientiert sich auch an Stalin, seinen mächtigen östlichen direkten Nachbarn, Feind der Deutschen und noch Mitglied der Allierten. Sein Hauptziel war immer die Unabhängigkeit und demokratische Regierung seines kleinen Landes, wer immer ihm dies garantieren würde.

Ab 1945: Madlenka lernt, ohne Verdunkelung zu leben, es gibt wieder Lebensmittel, und die Familie Korber kehrt mit Benes nach Prag zurück, um das Land wieder aufzubauen. Korber wird Botschafter seines Landes, nimmt 1946 an der Friedenskonferenz in Paris teil, 47 wird ihr Bruder John geboren. Nach dem Staatsstreich / der Machtübernahme durch die Kommunisten unter Klemens Gottwald emigriert die Familie erneut, diesmal in die USA, wo sie politisches Asyl erhalten. Madeleine studiert Politik und Jura, ist von 1959 – 1982 mit dem Journalisten Joseph Albright verheiratet, erzieht drei Töchter, promoviert 1976. 1993 wird sie Uno – Botschafterin, schließlich 1993 – 2001 Außenministerin.

 

 

3 Gedanken zu “Heidis E-Book des Monats

    1. Hallo Frau Weber,

      solange sie neugierig geworden sind ist ja alles gut. 😉
      Die Buchbesprechungen stammen ja von einer bei uns in der Bücherei monatlichen Veranstaltung. Und dort werden die ausführlichen Besprechungen der Kollegin von den Besuchern sehr geschätzt und auch genau so gewünscht. Ich hoffe Sie lassen sich trotzdem weiterhin von Heidis E-Book inspirieren.
      Viele Grüße
      Wagensonner Stefan

      Gefällt 1 Person

      1. Auf jeden Fall! Ich erfahre gern mehr über interessante und lesenswerte Bücher.
        Herzliche Grüße und Danke für die Erläuterung.
        Birgit Weber

        Gefällt 1 Person

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